DIE EVANGELISCHE VERSÖHNUNGSGEMEINDE

Nach dem Fall der Mauer 1989 begann die Versöhnungsgemeinde, ihre Position neu zu bestimmen. Zunächst waren praktische Fragen zu klären. Erinnert sei an das Engagement der Bürgerinitiative Bernauer Straße. Bald war der Gemeinde bewußt, daß sie auch eine große Verantwortung für die historischen Fragen hat. Die "Gedenkstätte Berliner Mauer" und das "Bürgerbüro für die Opfer der SED-Diktatur" sind dafür bekannte Beispiele. Auch die Frage nach dem Profil von 'Kirche in der Stadt' mußte in der Bernauer Straße neu beantwortet werden. Die Rückkehr der alten Glocken der Versöhnungskirche und des Altars, die Ausgrabung von Fundamentresten haben diesen Prozeß geprägt. Die Kapelle der Versöhnung ist unsere Antwort: ein moderner Stampflehmbau auf den Fundamenten der gesprengten Versöhnungskirche, in dem der gerettete Altar und die Glocken wieder ihren Platz gefunden haben.
1895 errichtet im vermeintlich tiefen Frieden der Wilhelminischen Zeit, war die Versöhnungskirche Zeuge der großen Umbrüche von 1918 und 1933. Im 2. Weltkrieg durch englische Bomben stark beschädigt, danach mühsam und nur behelfsmäßig wieder hergerichtet, traf sie 1961 das einzigartige Schicksal des Baus der Mauer. für mehr als 20 Jahre nicht mehr zugänglich für ihre geteilte Gemeinde. Das war ohne Beispiel. Ohne Beispiel war dann auch, dass die DDR 1985, also nur vier Jahre vor der Wiedervereinigung, die Kirche gesprengt, sie einfach dem Erdboden gleich gemacht hat. Sie störte.
Nun steht die Kapelle der Versöhnung an einem Ort, an dem die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihrer Dramatik erfasst werden kann. Hier mitten in Berlin auf dem ehemaligen Niemandsland werden heute Zeichen gesetzt. Die Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße erinnert an das Leid der deutschen Teilung und die Kapelle der Versöhnung ist ein Zeichen des Aufbruchs, der Hoffnung und der Versöhnung. In der Kapelle der Versöhnung kann man neu verstehen, was das Neue Testament seit zwei Jahrtausenden in sich birgt - den Ruf Gottes, der an uns gerichtet ist: Ihr seid zur Freiheit berufen.