Stiftung
Berliner Mauer in Kooperation mit der
Landwirtschaftlich-Gärtnerische
Fakultät der Humboldt-Universität zu
Berlin
Das Roggenfeld an der Kapelle
der Versöhnung
Projekt der Evangelischen Versöhnungsgemeinde und denkwerk
Michael Spengler
Eine Metapher für die Kultivierung des
Geländes des Todesstreifens
und seiner Aneignung seit 1989.
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Die Evangelische
Versöhnungsgemeinde hat im September 2005 mit den Vorbereitungen des
Bodens für ein Roggenfeld begonnen. Im September 2005 wurde die Saat
ausgebracht. Im Sommer 2006 wollen wir das Korn ernten.
Das Feld des
wachsenden, des reifenden und des wogenden Korns, das Bild der "Kapelle im
Kornfeld" läßt vielen Assoziationen Raum. Die Josephsgeschichte mit
den "sieben fetten und den sieben mageren Jahren", die biblischen Gleichnisse
vom "Vierfachen Acker", der "Selbstwachsenden Saat", vom "Unkraut unter dem
Weizen", vom "Korn das nicht lebendig wird, wenn es nicht stirbt".
Es
stellt ein Gegen-Bild dar zu der Kirche im Todesstreifen. Es gibt Anregung zum
Nachdenken über den großen Prozess des Werdens und Vergehens.
Wir werden uns im November diesen Jahres, wie in jedem Jahr, mit denen
erinnern, die im letzten Jahr einen Menschen verloren haben, in Gottesdiensten,
Vorträgen und im Rahmen eines Projektes zur Kultur des Gedenkens. Wir
wollen in einer Veranstaltungsreihe mit Interessierten über diese Fragen
ins Gespräch kommen.
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Die geologische Vorgeschichte
Der Hang an dem die Kapelle steht, ist Teil von eiszeitlichen
Ablagerungen, die auf die Weichselkaltzeit vor ca. 15 000 Jahren
zurückgehen. Deshalb gibt es hier viel Sand, Lehmboden und immer wieder
Findlinge. Der große Findling am Rande des Roggenfeldes z.B. wurde bei
Straßenbauarbeiten im Sommer 2005 gefunden. Es ist ein rötlicher
Granit. Gut zu erkennen ist seine kristalline Struktur. Wir sehen Feldspate,
Quarze und Glimmer. Er stammt ursprüglich aus dem skandinavischen Raum
(vermutlich Schweden). Der Gletscher hatte ihn bis nach Berlin geschoben, bis
er abtaute und seine Geschiebemasse liegen blieb.
Die historische Entwicklung der
Gegend
Weit vor den Toren Berlins gelegen, waren vor 200 Jahren hier
noch Äcker. Die Straßennamen im Umfeld geben darüber Auskunft:
Ackerstraße, Gartenstraße und Feldstraße.
Noch zu
Beginn des 18. Jahrhunderts holten sich die ärmeren Berliner der
nördlichen Vorstädte von hier ihr Feuerholz zum Kochen. Da niemand
für Wiederaufforstung des Geländes sorgte, kam es zu Erosionen. Der
dünne Mutterboden war bald abgetragen und der kräftige Berliner Wind
trug den märkischen Sand in die Stadt. Man sprach zur damaligen Zeit von
regelrechten Sandstürmen. Die Beherrschung dieser Sandwüste wurde zum
langjährigen Problem der Residenzstadt. Eine der Abhilfen war ihre
Besiedlung.
Jenseits der Akzisemauer (heute Torstraße) und des
Rosenthaler Tores siedelte Friedrich der Große Glaubensflüchtlinge
aus Frankreich und Böhmen an. In kleinen Kolonisten-Häusern
(Häuschen mit Garten zur Selbstversorgung) sollten sie sich und die
wachsende Residenzstadt mit Obst und Gemüse versorgen.
Unter der
Regierung König Friedrich Wilhelm III. wurde das "Vogtland", die Gegend
nördlich des Rosenthaler Tores und in Nachbarschaft zur Spandauer
Vorstadt, in "Rosenthaler Vorstadt" umbenannt. Sie umfasste die Invaliden-,
Chaussee-, Garten-, Berg-, Acker und Brunnenstrasse. In der zweiten Phase der
industriellen Revolution in Berlin wurden hier Eisengießereien und
metallverarbeitendes Gewerbe angesiedelt: die berühmte
KÖNIGLICH-PREUSSISCHE EISENGIESSEREI, die kunstvolle Gußarbeiten (im
Schinkelschen Design) produzierte, F. A. EGELLS und später L.
SCHWARTZ-KOPFF, und A. BORSIG. Letzte Relikt dieser Epoche sind das
Kolonistenhaus der ersten Besiedlungsphase am Ende der Ackerstraße
(rechte Seite) und das Gelände des Stammwerks der AEG (heute TU-Berlin
genutzt).
Der Bau der alten Versöhnungskirche
1835
beaufragt der Preußische König seinen Hofbaurat Schinkel mit dem
Entwurf von vier Vorstadtkirchen für Berlin, darunter auch St. Elisabeth
an der Invalidenstrasse, die "Mutter" der alten Versöhnungskirche.
Die Versöhnungskirche wurde vom Mecklenburgischen Baurat
Möckel auf einem Teil des Elisabethfriedhofs gebaut, den die Gemeinde bei
ihrer Gründung erwarb und durch ein zusätzliches Grundstück an
der Bernauer Straße erweiterte. Die Bauarbeiten begannen im Juni 1892.
Eingeweiht wurde die Kirche in Anwesenheit der Kaiserin Auguste Viktoria am 28.
August 1894.
"Die Versöhnungskirche, errichtet im vermeintlich
tiefen Frieden der Wilhelminischen Zeit, wurde Zeuge der großen
Umbrüche von 1918 und 1933. Sie wurde im 2. Weltkrieg durch englische
Bomben stark beschädigt und danach mühsam wieder hergerichtet. Dann
traf sie am 13. Au-gust 1961 das einzigartige Schicksal des Baus der Berliner
Mauer.
Mitten im Niemandsland gelegen, war sie für mehr als 20
Jahre nicht mehr zugänglich für ihre geteilte Gemeinde, weder
diesseits noch jenseits der Grenze. Das war ohne Beispiel. Ohne Beispiel war
dann auch, dass die DDR 1985, also nur vier Jahre vor der Wiedervereinigung,
die Kirche gesprengt, sie einfach dem Erdboden gleich gemacht hat."
(Dr. Günther Braun)
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Das leere Grundstück
Der
Todesstreifen der Berliner Mauer an der Bernauer Strasse, dessen Postenweg vor
der Kapelle erhalten ist, wurde mit dem Fall der Mauer, am 9. November 1989
zugänglich. Das Leben kehrte zurück. Schon wenige Monate nach dem 9.
November 1989 wurde in einer Aktion "MauerLandLupine" der
DDR-Bürgerbewegung auf dem Todesstreifen Samen ausgesät. Mit diesem
starken Symbol wurde der ungeheure Transformationsprozeß des
"Todesstreifen der Mauer" deutlich. Er machte dieses "Niemandsland" urbar
für die Rückkehr des Lebens.
Der Bau der "Kapelle der
Versöhnung"
Zum 10. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November 1999
konnte das Richtfest der Kapelle der Versöhnung gefeiert werden.
Die
Frage nach dem Profil von Kirche in der Stadt' musste in der Bernauer
Straße neu beantwortet werden. Die Rückkehr der alten Glocken der
Versöhnungskirche und des Altars, die Grabungen an ihren Fundamentresten
haben diesen Prozess geprägt. Die Kapelle der Versöhnung ist unsere
Ant-wort: Ein mo-derner Stampflehmbau auf den Fundamenten der gesprengten
Versöhnungskirche in dem der gerettete Altar und die Glocken wieder ihren
Platz gefunden haben.
Die neue Kirche hat drei Räume
Einen großen Kirchplatz unter freiem Himmel - die Grundfläche
der alten Kirche am Läute-gerüst.
Den Wandelgang mit seinen
Sitzgelegenheiten - unter dem Dach der Kapelle, aber noch im Freien.
Der
kleine von den Lehmwänden geschützte Raum der Kapelle mit dem alten
Altar. Ein neuer Lehmaltar birgt im Innersten die vasa sacra.
Alle
drei Räume legen Spuren frei
Der Kirchplatz die Schwellen des
historischen Kirchenportals, den Postenweg des Todesstreifens und das Volumen
der alten Kirche.
Der Wandelgang die Fundamente der gesprengten Kirche an
ihrer Apsis.
Die Kapelle eine zugemauerte Kirchentür - "Mauer" 1961.
Die Kapelle der Versöhnung
innerhalb der Gedenkstätte Berliner Mauer
Die Gedenkstätte
besteht aus Bausteinen, die einen jeweils spezifischen Zugang zur Vergangenheit
eröffnen: die Spuren und Ereignisorte entlang der Bernauer Strasse das
Denkmal der Berliner Mauer, das Dokumentationszentrum und die Kapelle der
Versöhnung.
Die herausragende Bedeutung der Bernauer Straße
als zentralem Ort für das Mauergedenken hat das Interesse der
Öffentlichkeit für diese Erinnerungslandschaft in den letzten zwei
Jahren verändert und den Strom der Besucher ständig wachsen lassen.
Dieser Entwicklung wurde Rechnung getragen im "Gedenkkonzept Berliner Mauer"
des Senats von Berlin.
Seit dem 13. August 2005 finden von Dienstag bis
Freitag um 12.00 Uhr mittags in der Kapelle der Versöhnung Andachten zum
Gedenken an die Todesopfer der Berliner Mauer statt. Im Mittelpunkt jeder
Andacht steht die Biografie eines Mauertoten.
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Das Bild eines wogenden
Kornfeldes 2007/ 8/ 9 beim " Langen Tag der
StadtNatur"
knüpft an viele Bilder und schafft
Bezüge, die im Umfeld der Großstadt um so stärker werden, wo
den Menschen oft jeder Bezug zum Rhythmus der Jahreszeiten und zum Lauf des
Jahresfeste verlorengegangen ist.
Das ein Kornfeld einen Friedhof rahmt
ist aber weder neu noch einmalig. In Schweden, in der Nähe der Stadt
Uppsala, wurde schon in den 60er Jahren auf einem Friedhof das Bild des
wogenden Kornfeldes aufgenommen. Auf dem 1965 von Ulla Bodorff entworfenen
Berthaga-Friedhof bei Uppsala werden die Besucher am Eingang von einem
großen Roggenfeld begrüßt.
So versinnbildlicht ein
Getreidefeld, die vom Menschen gestaltete Natur. Der Mensch erlebt den Prozess
von Säen, Wachsen und Vergehen innerhalb eines Jahres und begleitet ihn in
Ritualen. Er feiert ein Erntedankfest. Er gedenkt im Lauf des Jahres
wiederkehrend seiner Verstorbenen.
Berlin, September 2005