Liturgie: Pfarrer Manfred Fischer
Predigt: Bischof Dr. Markus Dröge
am 13. August 2011, 50. Jahrestag des Baues der Berliner Mauer
bei der Ökumenischen Andacht in der Kapelle der Versöhnung



Zur Einweihung der Gedenkstätte Berliner Mauer überreichte Pfarrer Manfred Fischer
einen historischen Schlüssel an den Bundespräsidenten Christian Wulf und sagte dazu:

"Das ist der Schlüssel zum Grenzhaus Bernauer Straße 4.
Das Haus wurde durch den Mauerbau zerstört und seine Bewohner vertrieben.
Der Schlüssel ist als Zeugnis bewahrt.
Möge er das Zeichen dafür sein, dass die Gedenkstätte Berliner Mauer die Erinnerung an die Teilung der Stadt ihren Besuchern erschließt:
Ein Schlüssel zur Geschichte der Mauer."
Bundespräsident Christian Wulf übergab den Schlüssel an den Direktor der Stiftung Berliner Mauer, Dr. Axel Klausmeier.



Ökumenischer Gedenkgottesdienst in der Kapelle der Versöhnung

Während des Einzugs und der Platzierung der Gäste
Lesung von Verhaftungsprotokollen aus der Bernauer Straße
(Dr. Gerhard Sälter, Tina Schaller, Ronny Heidenreich)

Pfarrer Manfred Fischer (Liturg) eröffnet den Ökumenischen Gedenkgottesdienst in der Kapelle:

Wir haben uns versammelt in der Kapelle der Versöhnung zur Andacht für die Toten an der Berliner Mauer.
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes.
Seit 0.00 Uhr haben wir heute Nacht die Biographien der Maueropfer in hier gelesen - Stunde um Stunde.
Beteiligt haben sich auch Angehörige und Freunde. Wir haben begonnen mit Winfried Freudenberg und Chris Gueffroy,
den beiden letzten Mauertoten von 1989 und endeten mit Ida Siekmann,
die am 22. August 1961 hier in der Bernauer Straße bei einem Fluchtversuch ums Leben kam.
Sie war das erste Maueropfer.

Wir gedenken der Toten.
Wir vergessen die Teilung nicht,
die Teilung Berlins nicht,
die Teilung Deutschlands nicht,
die Teilung Europas nicht.
Am 9. November 1989 ist die Mauer gefallen.
Gott sei Dank.

Hört Psalm 126 :
Der Kantor Michael Albert singt von der Empore.
Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden.
Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein.
Dann wird man sagen unter den Heiden:
Der Herr hat Großes an ihnen getan!
Der Herr hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich.
Herr, bringe zurück unsre Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst im Südland.
Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.
Sie gehen hin und weinen und streuen ihren Samen
und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.

In der Kapelle der Versöhnung bewahren wir die Erinnerung an die Toten der Berliner Mauer.
Hier liegt das Totenbuch.
Wir geben den Opfern Namen und Gesicht. Geben dem Gedenken Dauer und Form.
Jetzt nennen wir einen Namen, entreißen ihn öffentlich dem Vergessen.
Günter Litfin, sein Name steht für viele, doch jeder Name steht für einen einmaligen Menschen.
Der Liturg schließt den Altar auf, entnimmt ihm das Totenbuch

Ich bitte Jürgen Litfin für seinen Bruder aus dem Mauertotenbuch zu lesen.
Jürgen Litfin liest die Biografie seines bei der Flucht erschossenen Bruders, Günter Litfin
(24. August 1961, Erster an der Mauer in Berlin erschossen Flüchtling)

Der Lektor tritt wieder an den Altar, wendet sich zur Gemeinde und sagt:
Friede sei mit Günter Litfin und allen Toten an der Berliner Mauer.

Der Liturg entnimmt dem Sammelbehälter eine Spendenkerze,
entzündet sie an der Altarkerze und schreitet mit dem Lektor zum Kerzenbecken.


Der Tod von friedfertigen Menschen an der Berliner Mauer war schreiendes Unrecht.
Sie mussten sterben, n u r weil sie Freiheit suchten.
Als Zeugen für die Freiheit trugen sie aber a u c h dazu bei, dass die Mauer fiel.
Am 9. November 1989, noch in der Nacht, strömten die Befreiten über die alte Todesgrenze - wie die Träumenden des Psalms.
So oft wir eines Toten an der Berliner Mauer gedenken, erinnern wir uns an die friedliche Revolution von 1989.
Der Lektor legt das Totenbuch in den Altar zurück, schließt den Altar zu.

Hier wird alle Tage, von Dienstag bis Freitag, um 12 Uhr mittags das Mauertotenbuch gelesen.
Wir bitten die Bürger und die Besucher dieser Stadt, Männer und Frauen, Junge und Alte, Angehörige der Toten und Freunde: Beteiligt euch!

Herr Bischof Dr. Dröge ich bitte um ihr Wort zum Tage.
Der Liturg setzt sich,
Bischof Dr. Markus Dröge, Wort des Tages
zum Gedenken an den Mauerbau vor 50 Jahren am 13. August 1961, Römer 12,21


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
13. August 1961. Bilder aus Berlin gehen um die Welt.
Bilder, die sich ins Gedächtnis eingeprägt haben. So wie das Bild von den Müttern, die sich gleich nachdem die ersten Straßensperren
errichtet waren, mit ihren Kindern am Stacheldraht trafen. Diesseits der Drahtsperre ein Kinderwagen.
Die Mutter hat das Kind herausgenommen und hält es im Arm. Das Kleine streckt seine Hand so weit es kann über den Stacheldraht.
Jenseits der Sperre eine andere Mutter. Auch sie hält ihr Kind auf dem Arm. Auch ihr Kind streckt das Ärmchen so weit es geht aus.
Sie wollen sich berühren. Aber die beiden kleinen Hände kommen über dem Stacheldraht nicht mehr zueinander.

Heute sind diese Kinder knapp über 50 Jahre alt. Wie immer ihre Lebenswege weitergegangen sind, ich weiß es nicht.
Sicher aber ist: Für sie ist "die Mauer" nicht nur Symbol der Teilung Deutschlands.
Nicht bloß Teil der großen politischen Geschichte des Kalten Krieges.
Für sie ist die Mauer schmerzlicher Teil ihrer Lebensgeschichte.
Eine Geschichte von Trennung, Ohnmacht und unterdrückter Wut. Familien wurden auseinandergerissen.
Menschen wurden eingesperrt, weil sie sich für Freiheit einsetzten. Familien und Angehörige wurden drangsaliert.
Über 60.000 Menschen wurden wegen "Versuchs der Republikflucht" oder auch nur wegen deren "Vorbereitung", verurteilt.
Die durchschnittliche Strafe betrug vier Jahre Haft. Und so ist diese Mauer auch heute, fast 22 Jahre, nachdem sie gefallen ist,
ein Ort der lebendigen Erinnerung an die Menschen, die ihr zum Opfer fielen.
Oft ist gesagt worden, wir müssten die Mauer, nachdem sie gefallen ist, auch in den Köpfen abbauen.
Ja, das stimmt. Aber sie wird in unserer Seele bleiben, als Teil unserer Geschichte.
Und - Gott sei Dank - als Teil einer Befreiungsgeschichte, als die Mauer von Berlin, die in der friedlichen Revolution gefallen ist.
Die Erinnerung an die Mauer, gebaut und gefallen, gehört zur Seele Berlins und zum kollektiven Gedächtnis unseres Landes.

Am 13. August 1961 erteilte SED-Generalsekretär Walter Ulbricht den Befehl zur Abriegelung der Sektorengrenze.
Hässliche Stacheldrahtrollen, bewaffnete Männer in Uniform und eingeschüchterte 2 Arbeitertrupps waren die ersten Vorboten dessen,
was sich später zu "der Mauer" entwickeln sollte. Straßenpflaster mitten in Berlin wurden aufgerissen,
Barrikaden aus Asphaltstücken und Pflastersteinen errichtet, Betonpfähle eingerammt und Stacheldrahtverhaue gezogen.
Der Durchgangsverkehr der S- und U-Bahn-Linien wurde dauerhaft unterbrochen.
Im Hintergrund stand die Nationale Volksarmee mit mehr als 7.000 Soldaten und mehreren hundert Panzern bereit.
Sowjetische Truppen bildeten rund um Berlin eine dritte Sicherungsstaffel.
Fassungslos standen sich die West-Berliner auf der einen, die Ost-Berliner und Brandenburger auf der anderen Seite gegenüber.
Im Osten hielten Kampfgruppen und Volkspolizei die Umstehenden mit Maschinengewehren in Schach; wer protestierte, wurde festgenommen.
Im Westen schirmte die Polizei die Grenzanlagen vor den erregten Bürgern ab.
Am 14. August 1961 wurde dann das Brandenburger Tor als Sektorenübergang für West-Berliner abgeriegelt.
Damit war das letzte Nadelöhr geschlossen. Die Mauer war dicht, für Jahrzehnte.
Der Kalte Krieg, der eiserne Vorhang zwischen den Systemen von Ost und West - hier in Berlin sichtbar in Stein gemauert.

Es gab Menschen, die ihre Hoffnung trotz allem nicht verloren. Die an Veränderung glaubten,
an die Freiheit und an die Möglichkeit, Grenzen zu überwinden.
An diese Menschen denke ich, wenn ich die diesjährige biblische Jahreslosung lese:
"Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem" (Römer 12,21).
Es gab die, die sich nicht haben überwinden und kleinkriegen lassen,
die sich nicht abgefunden haben mit den unfreien und ungerechten Strukturen eines Staates, der Menschen eingesperrt und ausspioniert hat,
die dieser Mauer ihre leidenschaftliche Hoffnung entgegengesetzt haben.

28 Jahre, zwei Monate und 27 Tage hatte die Mauer Bestand.
Eine lange, eine quälende Zeit. Und doch war die Mauer von Anfang an ein gescheitertes Projekt.
Sie war eine große Machtdemonstration aber zugleich ein fatales Eingeständnis der Schwäche und Verzweiflung.
Die Sehnsucht nach Freiheit lässt sich nicht einsperren. Man kann Grenzen verriegeln, Wege abschneiden, Übergänge dicht machen.
Aber die Sehnsucht der Menschen nach Freiheit kann man nicht zumauern.
Immer wieder haben Tollkühne den Weg durch den Todesstreifen gewagt.
Manchen ist es gelungen. Sie haben die Grenze und damit die Macht des Regimes durchbrochen.
Allein in Berlin sind über 130 Menschen bei dem mutigen und teilweise verzweifelten Versuch, die Mauer zu überwinden, getötet worden.
Männer, Frauen und Kinder. Ihr Tod erinnert an die Kostbarkeit der Freiheit.

"Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem."
Es liegt ein Zutrauen in diesen Worten des Paulus, ein Zutrauen in die Kraft, sich nicht einschüchtern, deprimieren zu lassen,
das böse Spiel von Hass und Gegenhass, Gewalt und Gegengewalt nicht mitzuspielen.
"Auf alles waren wir vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete" lässt Erich Loest in seinem Roman Nikolaikirche einen Stasi-Offizier sagen.
Kirchengemeinden hatten den Mut, ihre Türen zu öffnen.
Sie gaben Raum für kritisches Denken, für oppositionelle Ideen und offene Diskussionen.
Bürgerrechtsgruppen konnten in Gotteshäusern über die politischen Konsequenzen der Menschenrechte beraten,
die 1975 in der Schlussakte von Helsinki festgeschrieben wurden.
Wahlbetrug wurde entlarvt, Glasnost und Perestroika auch für die DDR eingefordert.
Die Gottesdienste und Andachten waren "offen für alle".
Alle hörten die Friedensverheißung der Bergpredigt Jesu, "Selig sind die Friedfertigen", und auf der Straße riefen sie: "Keine Gewalt".
Der "Kalte Krieg" wurde überwunden, weil Menschen die Logik von Hass und Gewalt durchbrachen.
Aus der Kraft der Schwachen erwuchs schließlich das Herbstwunder von 1989.
Wir können stolz sein auf die Menschen, deren Mut und deren Glaube an Recht, Freiheit, Demokratie und Friedfertigkeit
die Mauer zu Fall gebracht und die Teilung unseres Volkes überwunden hat.

13. August 2011. Heute gibt es in Berlin einen wunderbaren Mauerweg.
Wo früher der Stacheldraht gespannt und die Grenzanlagen gebaut wurden, fahren Eltern mit ihren Kindern Fahrrad,
wird gejoggt und Verliebte gehen Spazieren, Hand in Hand.
Aber während wir der Berliner Mauer gedenken, dankbar, dass sie gefallen ist, fordern andere Mauern ihre Opfer:
Die Mauer zwischen Israel und Palästina, die Grenzbefestigung zwischen den USA und Mexiko, die Sicherungen der Außengrenzen Europas.
Heute schauen uns Kinderaugen hinter Stacheldraht an, der gespannt wurde, um Flüchtlinge in ihren Lagern zu halten.
Heute werden neue Mauern in den Köpfen aufgebaut. Sie trennen zwischen gut und böse.
Sie zementieren die Unterschiede zwischen Ideologien, Kulturen und Religionen so fest, dass Dialoge nicht mehr möglich sind.
Wir dürfen uns mit diesen Mauern nicht abfinden.
Wir schließen deshalb in unser Gedenken all diejenigen ein, die heute zu Maueropfern werden.
50 Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer, brauchen wir den Schulterschluss aller,
die für die allgemeinen und unteilbaren Menschenrechte einstehen
und für den Wert einer offenen Gesellschaft kämpfen.
"Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem." Amen.


Der Liturg tritt hinter den Altar zur Verlesung einiger Glaubenssätze
über das Walten Gottes in der Geschichte von Dietrich Bonhoeffer

Ich glaube, dass Gott aus allem,
auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube, dass Gott uns in jeder Not,
so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im Voraus,
damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn Verlassen.
In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Schicksal ist,
sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.


Der Liturg setzt sich, Bischof Dr. Markus Dröge und Weihbischof Dr. Matthias Heinrich
treten gemeinsam hinter den Altar.
und sprechen die Fürbitten im Wechsel.
Die Gemeinde stimmt in den Gebetsruf ein.
Bischof Dr. Markus Dröge beginnt:

Lasst uns Gott danken, dass er Niedrige erhebt und Gewalttätige vom Thron stürzt.
Er allein weiß gerecht zu richten.
Zu ihm lasst uns beten: "Herr erbarme dich!"

Für alle an Mauer und Todesstreifen, in Lagern, in Gefängnissen Ermordeten,
bitten wir: Herr, erbarme dich!

Für die Verstorbenen, die der Kummer über ihre zerrissene Familie ins Grab gebracht hat,
bitten wir: Herr, erbarme dich!

Für alle, die an der Grenze Wohnung und Heimat verloren haben,
bitten wir: Herr erbarme dich!

Für alle, die öffentliche Verantwortung tragen für Gerechtigkeit, Freiheit und Menschwürde,
bitten wir: Herr erbarme dich!

Für alle, die Einfluss haben auf die öffentliche Meinung als Zeugen der Wahrheit,
bitten wir: Herr, erbarme dich!

Für alle, die in der Bildung tätig sind als Vorbild der kommenden Generation,
bitten wir: Herr erbarme dich!

Für alle, die den Spielraum der Freiheit nicht nutzen können,
bitten wir: Herr erbarme dich!

Gott, unser Vater! Lass uns den Auftrag zur Versöhnung wahrnehmen,
den du uns mit unserer Freiheit gegeben hast, durch Jesus Christus unseren Herrn. Amen.

Bischof Dr. Markus Dröge:
Vater Unser Unser Vater im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung; sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Bischof Dr. Markus Dröge: Segen
Der Gott des Friedens segne euch auf eurem Weg: Friede sei mit Dir.

LIED EG 283
Organistin Heidrun Albert spielt kurzes Vorspiel und begleitet die Strophen.
Auszug unter Orgelspiel



Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz
Pressemitteilung:

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“
Bischof Dröge fordert zum Mauergedenken Eintreten für die Menschenrechte


In seiner Ansprache im ökumenischen Gottesdienst zum Gedenken an den Mauerbau vor 50 Jahren in der Kapelle der Versöhnung forderte der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg schlesische Oberlausitz, Dr. Markus Dröge, ein Eintreten für die Menschenrechte: „Fünfzig Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer brauchen wir den Schulterschluss aller, die für die allgemeinen und unteilbaren Menschenrechte einstehen und für den Wert einer offenen Gesellschaft kämpfen. »Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem«. (Jahreslosung, Römer 12,21)“

Dröge bezeichnete die Mauer in der Ansprache als Teil der Seele Berlins und als Teil des kollektiven Gedächtnisses der Bundesrepublik: „Oft ist gesagt worden, wir müssten die Mauer, nachdem sie gefallen ist, auch in den Köpfen abbauen. Ja, das stimmt. Aber sie wird in unserer Seele bleiben, als Teil unserer Geschichte. Und – Gott sei Dank – als Teil einer Befreiungsgeschichte, als die Mauer von Berlin, die in der friedlichen Revolution gefallen ist. Die Erinnerung an die Mauer, gebaut und gefallen, gehört zur Seele Berlins und zum kollektiven Gedächtnis unseres Landes.“

Dröge erinnerte in diesem Zusammenhang an diejenigen, die ihre Hoffnung den Strukturen eines Staates entgegengesetzt haben, der Menschen eingesperrt und ausspioniert hat: „Die Sehnsucht nach Freiheit lässt sich nicht einsperren. Man kann Grenzen verriegeln, Wege abschneiden, Übergänge dicht machen. Aber die Sehnsucht der Menschen nach Freiheit kann man nicht zumauern. Immer wieder haben Tollkühne den Weg durch den Todesstreifen gewagt. Manchen ist es gelungen. Sie haben die Grenze und damit die Macht des Regimes durchbrochen. Allein in Berlin sind über 130 Menschen bei dem mutigen und teilweise verzweifelten Versuch, die Mauer zu überwinden, getötet worden. Männer, Frauen und Kinder. Ihr Tod erinnert an die Kostbarkeit der Freiheit.“

Bischof Dröge sprach auch den Mut der Kirchengemeinden in der DDR an: „Sie gaben Raum für kritisches Denken, für oppositionelle Ideen und offene Diskussionen… Wahlbetrug wurde entlarvt, Glasnost und Perestroika auch für die DDR eingefordert. Die Gottesdienste und Andachten waren »offen für alle«. Alle hörten die Friedensverheißung der Bergpredigt Jesu, »Selig sind die Friedfertigen«, und auf der Straße riefen sie: »Keine Gewalt!«. Der »Kalte Krieg« wurde überwunden, weil Menschen die Logik von Hass und Gewalt durchbrachen. Aus der Kraft der Schwachen erwuchs schließlich das Herbstwunder von 1989. Wir können stolz sein auf die Menschen, deren Mut und deren Glaube an Recht, Freiheit, Demokratie und Friedfertigkeit die Mauer zu Fall gebracht und die Teilung unseres Volkes überwunden hat.“

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