Predigt von Pfarrer Manfred Fischer
am 13. August 2009
bei der Andacht in der Kapelle der Versöhnung

Wir sind zusammen im Namen Gottes des Vater des Sohnes und des heiligen Geistes.
Wir sind zusammen zur Andacht anlässlich des Baus der Berliner Mauer am 13. August 1961.
Heute jährt sich der Bauer der Berliner Mauer zum 48. Mal. Mauer und Stacheldraht teilte unsere Stadt mitten in ihrem Herzen - sie teilte Deutschland, sie teilte Europa. Die dies ersannen und befahlen hatten die Macht, ihre Bürger äußerlich einzusperren, aber ihre innere Zustimmung hatten sie verloren. So wagten die Machthaber nicht, sich einer freien Wahl zu stellen. Die Bernauer Str. wurde zum Schauplatz dramatischer Fluchten - gelungener und gescheiterter. Dieser Tag und dieser Ort ist den Opfern gewidmet. Vor zwei Tagen haben wir drüben im Dokumentationszentrum unsere Studie "Die Todesopfer an der Berliner Mauer" vorgestellt. Die darin beschrieben 136 Todesfälle zeigen die Menschenverachtung der SED-Diktatur.
Jetzt sind es nicht mehr nur Vermutungen und ungeprüfte Behauptungen, jetzt haben wir Gewissheit und genaue Kenntnis.
Jetzt sind es auch nicht mehr nur Namenslisten oder Zahlenreihen. Jedes Maueropfer wird mit seinem ganz eigenen persönlichen Leben erinnert, so dem Vergessen entrissen. Was wir jetzt wissen, macht erschreckend deutlich, wie wenig ein Menschenleben im SED-Staat wert war.
Ich werde aus dem Mauertotenbuch drei Biographien lesen.

Die 136 Mauertoten stehen mit ihrem Schicksal für viel mehr Opfer. Erinnert seinen die unzähligen zerstörten Hoffnungen und Leben, die zahlreichen Fluchtversuche entweder über die Grenze oder in die innere Emigration - weil sie unter der SED Herrschaft nicht leben wollten: 40.000 Flüchtige gelangten in die Freiheit, aber 71.000 Fluchten scheiterten und endeten im Gefängnis.
Wir wissen jetzt auch, die Todesursache der Maueropfer wurde oft verschwiegen oder gefälscht. Das zeigt, dass die SED Führung sich über die Schändlichkeit ihres Grenzregimes im Klaren war. Doch lieber sollte ein Mensch sterben, als sich am System etwas ändern. Der Einzelne zählte nichts.
Wir können jetzt an konkreten Ereignissen beschreiben, das Land zwischen Mauer und Stacheldraht war ein Todesstreifen im Wortsinn. Wer in diese Gebiet hineingeriet - von Ost und auch von West - wurde beschossen.
Genau in diesem Todesstreifen haben wir die Kapelle der Versöhnung errichtet, können wir uns heute versammeln - Gott sei Dank, die Mauer ist gefallen. Wir haben von den Angehörigen der Opfern gehört, für sie ist es ein Trost zu wissen: Der Mensch, den sie verloren haben, wird nicht vergessen. Er wird mit seinem Namen erinnert. Seid dem 13. August 2005 wird hier für die Todesopfer an der Berliner Mauer eine Andacht gelesen - wieder und wieder auch heute und morgen.
Pfarrer Manfred Fischer

Lesung von Lilo Fuchs Witwe des Schriftstellers und Bürgerrechtlers Jürgen Fuchs.
Der Schriftsteller und Bürgerrechtler starb an den Folgen seiner Stasi-Haft.
Gedenkwort von Dr. Ehrhart Neubert Theologe und Bürgerrechtler,
Vorsitzender des Vereins zur Aufarbeitung von Folgeschaden der SED-Diktatur (Bürgerbüro)
Gedenkwort von Rainer Wagner Theologe, politischer Häftling in der DDR,
Vorsitzender der UOKG, Union der Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft (Verband)

Gemeinsames Entzünden der Opferkerzen, Fürbitten .



Presseerklärung:
Tag des Mauerbaus im Zeichen der Opfer
Gedenkveranstaltung zum 13. August erinnerte an die Mauertoten und unzählige zerstörte Leben durch die kommunistische Gewaltherrschaft der SED


In der Gedenkstätte Berliner Mauer wurde an den Tag des Mauerbaus, am 13. August 1961, erinnert. An der Andacht in der Kapelle der Versöhnung nahmen neben dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit auch Angehörige von Maueropfern und Vertreter von Opferverbänden teil.
Lilo Fuchs, die Witwe des Schriftstellers und Bürgerrechtlers Jürgen Fuchs, las ein Gedicht in Erinnerung an den Schriftsteller und Bürgerrechtler, der an den Folgen seiner Stasi-Haft gestorben ist. Gedenkworte für die Opfer des SED-Regimes sprachen der Theologe und Bürgerrechtler Dr. Ehrhart Neubert , Vorsitzender des Vereins zur Aufarbeitung von Folgeschäden der SED-Diktatur (Bürgerbüro), und Rainer Wagner, selbst politischer Häftling in der DDR und Vorsitzender der UOKG, Union der Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft.

Die Kapelle der Versöhnung wurde nach dem Mauerfall auf den Grundmauern der 1985 von DDR-Truppen gesprengten Kirche der Versöhnung gebaut. Der Lehmbau auf dem ehemaligen Todesstreifen steht als Symbol für die Überwindung der Mauer. In einem Totenbuch, das im Altar der Kapelle aufbewahrt wird, sind die persönlichen Schicksale von 136 Menschen aufgeschrieben. Pfarrer Manfred Fischer, Vorsitzender des Fördervereins Gedenkstätte Berliner Mauer:

„Die Menschen, die an der Mauer getötet wurden, zeigen wie skrupellos die Verantwortlichen des DDR-Regimes mit ihren Mitmenschen umgegangen sind. Hinter jedem der 136 Mauertoten steht die Geschichte eines Menschen, an die wir in der Gedenkstätte Berliner Mauer erinnern. Diese Geschichten stehen schließlich auch für die unzähligen zerstörten Leben in der DDR. Der Einzelne zählte nichts.“

Am Denkmal der Gedenkstätte Berliner wurden im Anschluss an die Andacht Kränze zum Gedenken der Opfer niedergelegt, unter der Inschrift:
"In Erinnerung an die Teilung der Stadt vom 13. August 1961 bis 9. November 1989 und zum Gedenken an die Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft"

Südlich des Denkmals der Gedenkstätte Berliner Mauer werden die Grundstücke im Bereich Garten und Bernauer Straße für die Erweiterung vorbereitet. Dort soll ab 2011 eine Außenausstellung über die Geschichte von Mauer und Teilung informieren, der im Bau befindliche Pavillon soll am 9. November 2009 fertig sein. Dr. Axel Klausmeier, Direktor der Stiftung Berliner Mauer:

„Der 13. August ist und bleibt ein besonderer Tag, der immer im Zeichen der Opfer und Ihrer Angehörigen stehen wird. Ihre Geschichten werden in unserer neuen Ausstellung für alle Besucher der Gedenkstätte in besonderer Weise aufbereitet. Bereits jetzt können Informationen über ein neues interaktives Terminal abgerufen werden. Zusammen mit dem von der Stiftung Berliner Mauer und dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam herausgegebenen Buch Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961 – 1989 wollen wir dazu beitragen, dass dies nie in Vergessenheit gerät."

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