Ansprache Pfarrer Manfred Fischer
zum 19. Jahrestag des
Mauerfalls, 09. November 2008
bei der Andacht in der Kapelle
der Versöhnung
Sehr geehrte Vertreter des Bundes und
der Länder!
Sehr geehrte Vertreter des Abgeordnetenhauses von
Berlin!
Sehr geehrter Herr Parlamentspräsident
Sehr geehrte
Vertreter der Opferverbände! Liebe Gäste!
Herzlich willkommen in der Kapelle der
Versöhnung zur Andacht anlässlich des 19. Jahrestag des Mauerfalls.
I
n diesem Jahr einem Sonntag. So ist die Gottesdienstgemeinde
Versöhnung auch verbunden mit den Besuchern der Gedenkfeier. "Neue Wege"
gehen aus einem Staat der seine Bürger durch die Mauer eingespart hatte
und sie auf Schritt und Tritt überwachte und ihr Handeln und Denken
bestimmen wollte. "Neue Wege" gehen, das wollten viele 1989. Hier stand sie,
die Mauer mit ihrem Todesstreifen. Sie trennte die Stadt, das Land, die Welt.
Sie sperrte ein Volk ein wie in ein Gefängnis. Und hinter dieser
Gefängnismauer herrschte eine Partei, überwachte die Bürger auf
Schritt und Tritt. Wollte deren Handeln und Denken dominieren. "Freiheit" -
"Vertrauen" - "neue Wege", das waren Worte für eine andere Welt.
1989
entstand ein Lied in dem sich diese Hoffnung ausdrückt: "Vertraut den
neuen Wegen".
9. November in Berlin - das Datum zeigt
einen dunklen Abgrund und auch einen hellen weiten Raum.
Heute steht in
Berlin der 70. Jahrestag der Reichspogromnacht von 1938 im Vordergrund.
Geschäfte jüdischer Bürger wurden von Nazi-Schergen
verwüstet, die Synagogen brannten.
Auch bei uns ist diese Erinnerung
wach. Auch wir, die Versöhnung Gemeinde und die Kapellengäste, wollen
an die Opfer der Shoah erinnern und als Christen für die Schuld unserer
Kirche Verantwortung übernehmen.
Dompropst Bernhard Lichtenberg sagte
damals: "Was gestern war wissen wir, was morgen ist, wissen wir nicht, aber was
heute geschehen ist, haben wir erlebt: draußen brennt der Tempel. Das ist
auch ein Gotteshaus."
Wer hat heute noch Tränen der Trauer - erinnert
das eigene Erleben?
Dass die Erinnerung lebendig bleibt - auch bei den
Nachgeborenen, dafür nehmen heute viele Menschen an einem Gedenkweg Teil,
vom Roten Rathaus zur Synagoge in der Oranienburger Straße. Auch von hier
werden Menschen teilnehmen an diesem Tag der Scham und Trauer und
Verantwortung.
Es haben sich heute Morgen auch an einem
weiteren Gedenk-Ort Menschen versammelt: drüben an der Mauer - dem Denkmal
für die Teilung der Stadt und für die Opfer kommunistischer
Gewaltherrschaft. Auch diese Opfer bleiben unvergessen - wie täglich hier
an diesem Altar eine Fluchtgeschichte aus dem Mauer-Totenbuch gelesen wird. Und
daran beteiligen sich Angehörige der Opfer und Zeugen der Zeit. Und doch
ist es noch mehr - mehr, nicht anderes - was uns heute hier zusammenbringt.
Es ist die Feier eines Geburtstages, des 19. Jahrestags des Mauerfalls. Am
9. November 1989 war die Geburtsstunde eines freien Landes. Einer der
glücklichsten Tage der deutschen Geschichte, eine Sternstunde der
Menschheit. Manche hier können noch sagen, ich war auch dabei, erinnern
das eigene Erleben. Manchen kommen noch heute Tränen der Freude, wenn sie
an diesen Tag denken. An diese Erlösung aus jahrelanger Ohnmacht, mit
Folgen für ganz Europa und darüber hinaus.
Der Tag bereitete sich
vor, aber er kam unerwartet und er blieb friedlich. Deshalb sprechen manche von
der friedlichen Revolution und sagen das mit Stolz. Sie wissen, dass der 9.
November eine Vorgeschichte hat, vorrevolutionäres Aufbegehren in Wellen:
"Schwerter-zu-Pflugscharen"-Aufnäher, "Montagsdemonstrationen". Und sie
wissen, dass dieser Tag friedlich blieb. Das steht im Gegensatz zu dem, was wir
an Revolutionen kennen, etwa dem 9. November 1918 in Deutschland.
Im nächsten Jahr, dem 20. Jahrestag
des Mauerfalls soll, um die Vorgeschichte bewusst zu machen, schon ab Januar an
Aufbruchsereignisse erinnert werden. Bau und Fall der Mauer sind Symbole
für den Geist und das Scheitern einer Politik und einer Weltanschauung.
Das alles auf dem Hintergrund der Ereignisse vom 9. November 1918 und 9.
November 1938. So sehen wir Geschichte unserer Stadt Berlin: Schicht um
Schicht, Scham und Stolz, Tränen und Trauer und Tränen der Freude.
Kann man davon etwas vergessen? Vergessen wollen? Manchmal scheint das so.
Immer wieder schiebt sich Neues nach vorne, erregt Aufmerksamkeit,
überlagert das Davor. Es heißt vom bebauten Berlin mit seinen
ständigen Abrissen und Neubauten: Berlin ist nicht - Berlin wird. So
könnte man auch von der Berliner Geschichte sprechen: aus den Augen aus
dem Sinn.
Jugend-Studien scheinen das zu bestätigen:
Geschichtsignoranz. Ich glaube das nicht und ich mache auch andere Erfahrungen:
hier sind viele Jugendliche, bis aus Norwegen kommen sie an diesen Ort und
schon seit Jahren kommen die Fredsreiser zu uns. Auch heute wieder. Ich
begrüße unsere jungen Gäste hier in der Kapelle und die vielen
auf dem Vorplatz. Kommende Woche besucht uns der norwegische
Parlamentspräsident. Ja das Erlebte - auch die großen Ergebnisse -
lagern sich ab. Sie gehen aber nicht spurlos verloren. Schicht um Schicht, wie
bei dieser Wand aus Lehm, baut sich das Haus unserer persönlichen
Geschichte auf und in seinen Wänden bleibt alles eingelagert. Bis es dann
hervorgeholt wird an besonderen Tagen an besonderen Orten.
Das Tun wir
heute: vorhin nahm wir die Rose und steckten sie in den Sehschlitz der Mauer.
Jetzt gleich werden wir am Ausgang Kerzen empfangen und damit zum Denkmal gehen
und sie dort anzünden. Und gut das wir dort noch einen Abschnitt der Mauer
erhalten haben, sonst wären wir nicht hier. 1989/90 konnte man nicht
schnell genug sein, die verhasste Mauer loszuwerden. Die Besucher kamen und
fragten: wo finde ich noch ein Stück Mauer, um mir ein Bröckchen
herauszuschlagen - Trophäe eines Berlin Besuchs. Heute Fragen Besucher: wo
finde ich noch ein Stück Mauer, um zu sehen, wie sie aus sah, was sie
bedeutet hat.
Ich glaube, die Mauer gehört zum
Erbe unserer Weltkultur - mit ihren Abgründen und Sternstunden.
Ich
komme zum Schluss: Der 9. November in Berlin - das Datum zeigt einen dunklen
Abgrund und auch einen hellen, weiten Raum.
Die Psalmen - das Gesangbuch
des Volkes Gottes - bringen beides immer wieder zusammen. Im Psalm 67
heißt es: "Gott sei uns gnädig und segne uns, er lasse uns sein
Antlitz leuchten". Gottes Gnade und Erbarmen, das ist das erste für ein
Leben mit aller Schuld und Last unserer Geschichte.
Gottes Segen ist der
Horizont unseres Lebens und das Gottes Antlitz uns leuchte ist und bleibt unser
Gebet. Amen.