Ansprache Pfarrer Manfred Fischer
zum 18. Jahrestag des
Mauerfalls, 09. November 2007
bei der Andacht in der Kapelle
der Versöhnung
Sehr geehrte Vertreter des Bundes und
der Länder!
Sehr geehrte Vertreter des Abgeordnetenhauses von
Berlin!
Sehr geehrter Herr Parlamentspräsident
Sehr geehrter Her
Ministerpräsident
Sehr geehrter Herr Bürgermeister!
Sehr
geehrter Herr Minister No Yong PARK aus Republik Korea
Sehr geehrte
Vertreter der Opferverbände! Liebe Gäste!
Jeder Staat, jede Gesellschaft braucht die Zustimmung der Bürger, und die kann auf Dauer nicht erzwungen werden - weder durch Einmauern, noch durch Ausgrenzen. Es geht nicht ohne diesen Grundkonsens. Ein demokratisch organisiertes Gemeinwesen lebt durch dieses antitotalitäre Selbst- verständnis, das wird auch im neuen Gedenkstättenkonzept des Bundes angesprochen. Diese freiheitlich-demokratische Errungenschaft soll gepflegt werden.
Der 9. November ist ein Tag für
das Gedenken in diesem Sinne. Er trägt in sich die Erinnerung an die
Verfolgung, die Pogrome von 1938, den Holocaust, die Ermordung von Juden in
Deutschland und Europa, die Erinnerung an die Schrecken der
nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Dieser 9. November bringt auch die
Erinnerung an das unerwartete Ende der SED-Diktatur und den Fall der Mauer. Die
Bundesrepublik Deutschland nach 1990 geht hervor aus dem Untergang, der
Überwindung zweier Diktaturen auf deutschem Boden. Der 9. November ist ein
Tag des Gedenkens und Mahnung, und er ist auch ein Tag der Hoffnung.
Und
wie das beides zum Ausdruck kommen kann - in einer Stadt, am gleichen Tag, Jahr
für Jahr - das ist uns aufgegeben im "liturgischen" Kalender Berlins. Der
9. November ist kein staatlicher Feiertag - aber er steht mit seiner inneren
Spannung wie kaum ein anderer Tag für die Erinnerungskultur in
Deutschland.
In diesem Kontext steht die Gedenkstätte "Berliner Mauer"
für den einen der beiden Pole, dem 9. November 1989.
Mit Freude -
eigentlich auch Staunen - über den sang- und klanglosen Abgang einer
Diktatur. Sie hatte für sich in Anspruch genommen, dass sie
wissenschaftlich beschreiben könne, wie die Geschichte sich entwickelt.
"Ich habe die Lehrpläne noch im Ohr. Das Kernstück der
sozialistischen Erziehung und Bildung, die Überzeugung von der
historischen Mission der Arbeiterklasse, die Überzeugung vom objektiven
Charakter der Entwicklung in Natur und Gesellschaft, die Überzeugung von
der Zukunft der ganzen Menschheit im Sozialismus, die Erziehung zur
sozialistischer Persönlichkeit, zum Kollektiv. Im Kollektiv, durch das
Kollektiv, zum Kollektiv." So beschreibt Anna Brause diese Erfahrung.
Mit
diesem Tag, dem 9. November, änderte das im Leben von 17 Mio.
DDR-Bürgern. Und was ist mit den anderen 60 Mio. in Deutschland?
Die
Freiheit errungen haben die Aktiven in der DDR. Sie haben die Chancen genutzt,
die ihnen das Umfeld der Perestroika bot, der Aufbruch in Osteuropa, der Schutz
vor den Augen der überraschten Weltöffentlichkeit zu stehen. Aber die
damit verbundene Einheit Deutschlands geschah zum Wohle des ganzen deutschen
Volkes. Und nicht nur das. Die Saat der Freiheit ging nach und nach
überall auf im Osten Europas auf. Sie wurde hinausgetragen in die Welt und
schlug neue Wurzeln, keimt nunmehr auch in Korea, diesem immer noch durch einen
Todesstreifen geteilten Land.
Wenn die Mauergedenkstätte in der
Bernauer Straße eine solche positive Botschaft aussendet - hinaus in alle
Welt und hinüber in die künftigen Generationen - wenn dieser Ort am
9. November jeweils Anlass gibt die Freiheit zu feiern, dann muss auch jeweils
neu erörtert werden, welche Freiheit gemeint ist.
Natürlich ging
es um Bewegungsfreiheit, von Ost nach West, und auch wieder zurück -
zunächst: "Reisefreiheit" genannt. Natürlich ging es um "die Mark",
die Freiheit am naheliegenden Markt teilzunehmen, nicht nur als Produzenten von
billigen Kühlschränken für die Westseite sondern auch als
Konsument beim Füllen der Kühlschränke auf der Ostseite.
Bewegungsfreiheit von Menschen und von Waren und das sei hinzugefügt: auch
von Gedanken! Doch wie hängen diese Freiheiten zusammen? Dazu wird in der
Bibel eine Geschichte erzählt, die wir als die "Versuchungen Jesu" kennen
und die liturgisch für den Sonntag Invocavit vorgesehen ist. Was wird
erzählt?
Jesus zieht sich vor Beginn seines
öffentlichen Wirkens in die Einsamkeit der Wüste zurück. Er
fastet 40 Tage, er hungert. Da tritt der Versucher an ihn heran. Er legt ihm
nah, aus den Steinen der Wüste Brot zu machen. Was für ein Ansinnen!
In der Wüste Brot, aus der Wüste Brot, eine lange Reihe von
Bildern steigen mir auf: Bewässerungsprojekte - in Israel und anderswo,
Rodung der Urwälder, Umlenkung der Flüsse, zuletzt auch unser
Roggenfeld im Todesstreifen.
Wie reagierte Jesus? Er verweigert diese
Möglichkeit. Nein, so will er die Welt nicht verändern, gewinnen. Das
wird ihm wieder und wieder vorgeworfen: Warum tust du das nicht? Bei
Dostojewskij gibt es im Großinquisitor einen langen Dialog über
diese Verweigerung. Brot aus Steinen - das wäre der Umschlag in der
Weltgeschichte gewesen vom "Reich der Notwendigkeit" in das "Reich der
Freiheit". Brot für alle. Das Paradies auf Erden. Das Ende aller Not. Und
wenn man "Brot" als Metapher sieht, wie Luther im kleinen Katechismus, dann
wäre das die Befreiung von aller "Not-durft" des Leibes. Warum das nicht?
Wer die Welt retten will, der muss doch das vollbringen. Weil Jesus, als Asket,
den Leib verachtet hat? Weil der Erlöser statt auf "Konsum" auf
"Höheres" aus war? Ethikunterricht sozusagen, Wertedebatte statt
Bedürfnisbefriedigung? Aber wieso dann später die Speisung der 5000
mit ein paar Broten und zwei Fischen. Wieso dann am Beginn des
Johannesevangeliums das Wunder, das aus Wasser Wein wird - reichlich und
erstklassig, wie extra vermerkt ist. Nein, asketische Gründe sind es
nicht, das Wunder zu verweigern. Es geht um Freiheit. Genauer um das teuflische
Missverständnis von Freiheit. Als sei sie durch Brotgaben zu erlangen und
zu behaupten. Und das sind zwei Aufgaben, eine schwerer als die andere. Soll
den nach Freiheit schreienden Menschen gleich mit einem Brotbissen das hungrige
Maul gestopft werden. Nein, dem Menschen, der Menschheit wird zugerufen: "Der
Mensch lebt nicht von Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das durch
des Herren Mund geht!"
Der Mensch lebt natürlich vom Brot, denn er ist
Leib. Aber zur Freiheit braucht er mehr. Das wird allerdings bestritten: "Denn
erst kommt das Fressen und dann kommt die "Moral"." Solche Sätze
verkennen, welche "Moral" Menschen aufgebracht haben, die nichts "zu fressen"
hatten und zu welchen Schandtaten gerade Menschen mit vollen Bäuchen
bereit waren. Lehrt das nicht gerade der 9. November mit seinen beiden Polen?
Freiheit meint etwas anderes als Sorgen-freiheit, Wohl-stand. Freiheit ist
unabweisbar mit Wahlmöglichkeit verbunden und damit immer auch mit der
Möglichkeit einen falschen Weg zu wählen mit entsprechenden negativen
Folgen.
Die Kirchen in der DDR waren Pflanzstätten solcher Freiheit. Unter dem Dach der Kirche konnte erfahren werden, dass jenseits der Plankommission noch etwas ist. Das es Menschen gibt, die sich ihre Freiheit nicht einfach nur herausnehmen, als wäre sie ein Durchgangsstadium für pubertierende Jugendliche, nichts für den Aufbau eines Gemeinwesens. Unter dem Dach der Kirche waren die Räume höher, die Freiheit tiefer verankert, nämlich in jedem "Wort, das aus des Herren Mund geht".
Was ist nun das "Wort aus des Herren Mund"? Es sind die biblischen Gebot, das Liebeswerben der Bibel, der Mensch möge auf Gottes Spuren wandeln. Davon lebt der mündige Mensch. Aber die Entscheidung für diesen Weg soll in Freiheit geschehen. Das ist Gotteswille. Diese Freiheit ist dem Menschen eingeschrieben, unveräußerlich. Deshalb kann er auch nicht mit Brotwundern zur Freiheit überredet werden.
In der Versuchungsgeschichte Jesu steht
der Mensch am Scheideweg.
- Hier das Brot machen aus jedem Dreck und um
jeden Preis und notfalls muss eben die Freiheit geopfert werden: Alle satt,
aber hinter Mauern.
- Dort die Freiheit, die sich nicht kaufen lässt,
die die Seele satt macht und deshalb ganz anders versteht wie der Leib satt
wird.
So wurden die Kirchen in der DDR auch zu Übungsfeldern
für eine friedliche Revolution
- Mit der Kerze in der Hand auf den
Weg. Nachher am Ausgang werden wir auch Kerzen empfangen, mit denen wir dann
zur Gedenkwand gehen.
Die Phantasie war immer schon ein Schritt weiter als
der Kontrollapparat der anderen Seite.
Die Gedenkstätte Berliner Mauer hat
nicht nur Spuren zu sichern und lesbar zu machen. Sie hat nicht nur
Zeitzeugengespräche zu dokumentieren und der Opfer zu gedenken. Sie hat
letztlich das Gespräch zu führen darüber, welche Freiheit hier
die Mauer zu Fall gebracht hat. Die Gedenkstätte Berliner Mauer ist ein
Gesprächsangebot für die Gäste der Stadt, für die
Nachkommen unseres Landes: So hoch steht die Freiheit, so tief ist sie im
Menschen verankert. Deshalb sind Mauern auf Dauer machtlos. Deshalb geht die
Saat der Freiheit auf.
Früher oder später. Immer wieder.
Überall: Ja, so ist das.
Amen.