Pfarrer Manfred Fischer und Beiträge von Berliner
Schülern
zum 21. Jahrestag des Mauerfalls, 09. November
2010
bei der Andacht in der Kapelle der
Versöhnung
9. November 2010. Kapelle der Versöhnung. Pfarrer Manfred Fischer
Letztes Jahr hat Professor Ernst Cramer
am 9. November hier in der Kapelle der Versöhnung gesprochen viele
von Ihnen waren dabei und werden sich erinnern.
Als Berliner und Jude hat
er uns an die 9. November unserer neueren deutschen Geschichte erinnert.
Es
war eine Geschichtsstunde, die ich nicht vergessen werde. Er sagte uns
wir danken Gott, dass er mit der Maueröffnung vor 20 Jahren den
vielen früheren 9. Novembern einen Gegenpunkt setzte. Er erinnerte
daran, das die 9. November nach Hitlers Regierungsübernahme als
nationalsozialistischer Gedenktag gefeiert wurde, zur Erinnerung an den
gescheiterten Staatsstreich der Rechtsradikalen in München 1923 und dann
erinnerte Prof. Cramer an den 9. November 1938, der Reichspogromnacht, die den
millionenfachen Mord an Juden einleitete auch seine Internierung im
Konzentrationslager. Mit diesem Tag hat das dunkelste, das
Verabscheuungswürdigste Kapitel unserer Geschichte begonnen. Doch er
konnte auch hinzufügen: der 9. November 1989 hat mit einer unblutigen
Revolution der nach Freiheit dürstenden Demonstranten einen der
hehrsten Tage der deutschen Geschichte ermöglicht. Diese Deutungen
des 9. November, diese seine Deutung insgesamt ist für uns in der Kapelle
der Versöhnung bleibende Erinnerung und Vermächtnis.
Es war die
letzte große Rede Prof. Cramers. Am 19. Januar dieses Jahres ist der
Hochbetagte 10 Tage vor seinem 97. Geburtstag - gestorben.
Was heißt bleibende
Erinnerung? Für uns persönlich können wir das sagen, aber
für die nachwachsende Generation - nicht. Die wird selbst bestimmen, was
ihr bleibt und was eben nicht. Dabei ist das uns Älteren,
insbesondere wenn wir zu den Akteuren in der Geschichtsvermittlung
gehören, eine Herzensangelegenheit: die nachwachsende Generation möge
auf den Erfahrungen ihrer Vor-fahren aufbauen. Es möge nicht jede
Generation gewissermaßen das Rad neu erfindet.
Was
für unsere Technik, für das Fakten-wissen gilt, sollte doch auch
für unser Orientierungs-wissen gelten. Gedenkstätten, Gedenkorte und
Gedenkzeiten bieten dafür Lernanlässe. Aber was lernen junge Menschen
wirklich? Die FAZ berichtet im September dieses Jahres über eine
bundesweiten Untersuchung von Abiturarbeiten im Leistungskurs Geschichte. Sie
kam zu dem Ergebnis, das Gros der Texte biete nur eine reflektierte
Wiedergabe angelernter und sozial erwünschter Urteilspartikel. Kurz:
man weiß, was man sagen soll. Man kennt die richtigen
Antworten Orientierungs-wissen ist das nicht.
Aber, so füge ich
an, gab es denn die persönlichen Fragen zu diesen richtigen
Antworten. Antworten zu lernen auf Fragen, wie man gar nicht hat, erleichtert
die Orientierung nicht! Deshalb liegt mir so viel an fragenden jungen Leuten.
Deshalb leben Gedenkstätten auch unsere, deshalb leben Gedenktage
auch der 9. November von fragenden Besuchern.
Ich bin sehr froh,
dass wir in diesem Jahr solchen fragenden Schülern begegnet sind: z. B. in
einem Schülerwettbewerb. Ausgelobt hat den Wettbewerb die Stiftung
Berliner Mauer, mit Mitteln des 2009 an die Stadt Berlin verliehenen
Prinz-von-Asturien Preis: 20 Jahre deutsche Einheit - der Einheit auf der
Spur.
Heute haben wir die Preisträger unter uns, Schüler
der 12. Klasse der Bertha-von-Suttner-Schule und es des
Canisius-Collegs. Bürger unseres Landes aus den Jahrgänge 1992
/ 1993. Ich danke Cansu Azak, Benjamin Brandes, Schirin Salih, Judith
Engelbreth, Sophia Schupelius.
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C[tsch]ansu Azak (06.10.1993/
17 J., Türkei):
Jetzt wächst zusammen, was zusammen
gehört!" diese Worte äußerte der deutsche Politiker
Willy Brandt am 10. November 1989 und prophezeite damit kurz nach dem Fall der
Mauer einen Prozess des selbstverständlich erscheinenden Zusammenwachsens
beider deutscher Staaten, der auch heute noch, 20 Jahre nach der
Wiedervereinigung, öffentlich in Frage gestellt wird. Gab und gibt es in
der neuen Bundesrepublik Deutschland einen Prozess des Zusammenwachsens, der
von einer gegenseitigen Annäherung der unterschiedlichen Mentalitäten
zeugt? Ist dieser bereits abgeschlossen? Oder wird er möglicherweise nie
abgeschlossen sein? Ist die Mauer zwischen Ost und West nur auf der Landkarte
gefallen, nicht jedoch in den Köpfen der Menschen? Oder gibt es
mittlerweile einen einheitlichen deutschen Staat, und zwar nicht nur
geografisch, sondern auch kulturell, politisch und gesellschaftlich betrachtet?
Mit diesen, von der zentralen Leitfrage Wächst zusammen, was
zusammen gehört?" abgeleiteten Fragen befassen wir, die Schülerinnen
und Schüler der Klasse 11c der Bertha-von-Suttner- Oberschule, uns in
unserem Beitrag zum Schülerwettbewerb 20 Jahre Deutsche Einheit".
Unsere Schule befindet sich in Reinickendorf direkt an der Grenze zu Pankow
und damit im Bereich des ehemaligen Grenzverlaufes: So war sie zwischen 1961
und 1989 - so weit möglich - ein Ort des Austausches von Ost und West und
ist es heute noch.
Deshalb erscheint es uns interessant, die Leitfrage auf
die Lehrerschaft unserer Schule zu beziehen und zu untersuchen, ob und
inwiefern sich die Lehrer aus der ehemaligen BundesRepublik und der ehemaligen
DDR innerhalb unserer Lehrerschaft heute, 20 Jahre nach der Wiedervereinigung,
angenähert haben.
Benjamin Brandes
(14.09.1992/ 18 J.):
Für unsere Untersuchung haben wir
fünf Kernfragen entwickelt, deren Beantwortung möglichst
vergleichbare und aussagekräftige Ergebnisse gewährleisten soll. Ziel
ist es, durch den Einbezug der zwei entscheidenden Zeitebenen - 1990 und 2010 -
einen möglichen Prozess des Zusammenwachsens aufzudecken bzw. dessen
Ausbleiben zu diagnostizieren.
Die fünf Kernfragen lauten:
Wie war
Ihre Einstellung zur Wiedervereinigung vor 20 Jahren und wie ist sie heute?
Woher kamen die meisten Ihrer Freunde vor 20 Jahren und woher kommen sie
heute?
Welche Unterrichtsmethode haben Sie vor 20 Jahren am häufigsten
angewandt und welche wenden Sie heute am häufigsten an?
Welche Werte
waren Ihnen vor 20 Jahren in der Schule am wichtigsten und welche sind es
heute?
Und zuletzt: Wächst zusammen, was zusammen gehört?
Diese Fragen haben sechs Lehrer unserer Schule - drei Lehrer der ehemaligen
DDR und drei Lehrer der ehemaligen BRD - in ausführlichen, individuellen
Interviews beantwortet.
Andererseits haben diese Fragen insgesamt 47 Lehrer
unserer Schule - von ca. 120 befragten Lehrern - anhand eines Fragebogens mit
vorgegebenen Antworten ausgefüllt.
70 % dieser Lehrer stammen aus der
ehemaligen BundesRepublik und 30% aus der ehemaligen DDR, was ungefähr der
realen Herkunftsverteilung an unserer Schule entspricht.
Schirin Salih (14.01.1993/ 17 J.,
Kurdin)
Insgesamt gibt unsere Untersuchung eine deutliche Antwort auf
die zweiteilige Frage "Wächst zusammen, was zusammen gehört?":
Vor zwanzig Jahren sind einige, wenn auch diffuse Unterschiede zwischen den
Lehrern aus dem ehemaligen Osten und den Lehrern aus dem ehemaligen Westen an
unserer Schule erahnbar: So besitzen beide Gruppen vor 20 Jahren nur Freunde
aus ihrem eigenen Herkunftsgebiet. Unterschiede in den Unterrichtsmethoden und
Werten werden angedeutet, sind jedoch nicht klar definierbar. In der Freude
Über die Deutsche Einheit allerdings sind beide Gruppen bereits vor 20
Jahren geeint, wovon ein offensichtliches Zusammengehörigkeitsgefühl
abgelesen werden kann.
Im Jahr 2010 sind in allen vier Kernbereichen -
Einstellung zur Wiedervereinigung, Freundeskreis, Unterrichtsmethoden und Werte
- keine deutlichen Unterschiede zwischen den Lehrern aus dem ehemaligen Osten
und den Lehrern aus dem ehemaligen Westen an unserer Schule erkennbar. Ein
Prozess des Zusammenwachsens ist somit bestätigt. Offen bleibt, in welchen
Aspekten unsere Lehrer noch zusammen wachsen müssen, betonen doch Alle,
der Prozess sei noch nicht abgeschlossen.
Wohl wissend, dass unsere
Untersuchung nur einen kleinen Aspekt des großen
Annäherungsprozesses zweier ehemals eigenständiger deutscher Staaten
anspricht und deswegen keinesfalls als repräsentativ gelten kann, erlauben
wir uns dennoch folgende Schlussfolgerung:
Mögen Vorurteile und
Diskrepanzen zwischen dem ehemaligen Ostdeutschland und dem ehemaligen
Westdeutschland auch noch vorhanden und der Prozess des Zusammenwachsens noch
nicht abgeschlossen sein, so schreiben doch wir als nächste Generation
unsere eigene Geschichte, und die befasst sich nicht mehr mit dem
Ost-West-Konflikt, sondern mit neuen Problemen des vereinten Deutschlands, wie
der prekären Wirtschaftslage und dem demographischen Wandel.
Aber auch
da gilt: Freiheit und Demokratie sind uns kostbar. Sie sind zu keiner Zeit
selbstverständlich.
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Fragen haben, Fragen auch
mutig stellt an die, die dabei waren, an die aus meinem nächsten Umfeld,
in assymetrischen Verhältnissen ist das nicht einfach und doch nötig,
ja prägend:
Was erzählen Eltern, auch mal so nebenbei. Urteile in
Nebensätzen von Menschen, denen wir eng verbunden sind, prägen
vielleicht stärker als Hauptsätze in Klassenarbeiten. Bei Tisch so
ein War doch nicht alles schlecht, kenne ich noch in Verbindung mit
Hitlers Autobahn oder man hört so ein verächtliches
Rechtsstaat.
Später treten neben die Eltern, die Lehrer in
der Schule und auch die Vorbilder unserer Kultur. Dann weitet sich
der Fragehorizont: es geht über 20 Jahre hinaus, über Generationen
hinaus über Jahrhunderte. Was sind da die maß-gebenden, Orientierung
gebenden Menschen?
Noch einmal Professor Ernst Cramer: Es ist
angemessen und erfreulich, dass wir diesen Gedenktag in der
Versöhnungs-Kapelle feiern und Worte von Dietrich Bonhoeffer
hören.
Dietrich Bonhoeffer ist für uns ein Maß-
und Orientierung gebender Mensch, der schöpfen konnte aus einer
2000jährigen Kultur. Und der in seinem Manuskript Widerstand und
Ergebung seine Lebensbilanz vorlegte, heimlich versteckt unter den
Dachsparren in seinem Elternhaus. Er mußte die Verhaftung
befürchten.
Schüler des Canisius-Collegs werden nun einen kurzen
Abschnitt aus diesem Text mit Glaubenssätzen über das Walten
Gottes in der Geschichte lesen und dann zum Gebet einladen.
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Judith Engelbreth (16.08.1993,
17J.), Sophia Schupelius (18.02.1993, 17J.)(14.01.1993/ 17 J.,
Kurdin)
Einige Sätze über das Walten Gottes in der
Geschichte Dietrich Bonhoeffer
Ich glaube,
dass Gott aus
allem,
auch aus dem Bösesten,
Gutes entstehen lassen kann und
will.
Dafür braucht er Menschen,
die sich alle Dinge zum Besten
dienen lassen.
Ich glaube,
dass Gott uns in jeder Not, so viel
Widerstandskraft geben will,
wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht
im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst,
sondem allein auf ihn
Verlassen.
In solchem Glauben Müsste alle Angst
vor der Zukunft
überwunden sein.
Ich glaube,
dass Gott kein zeitloses
Schicksal ist,
sondern dass er auf aufrichtige Gebete
und
verantwortliche Taten wartet und antwortet.
Unter dem Dach der Kirche hat sich das
freie Wort geformt.
Unter dem Dach der Kirche fanden Menschen den Mut, das
eingemauerte Denken und Hoffen zu überschreiten und zuletzt hinauszutreten
aus dem geschützten Kirchenraum auf die Straßen und Plätze
der Stadt: aber die sich Versammelnden hatten Kerzen, nicht Waffen in der Hand.
Zeichen einer friedlichen Revolution. Auch daran wollen wir heute erinnern.
Schülerinnen werden nun Kerzen an sie verteilen. Sie sollen am Denkmal
entzündet werden.
Wer jetzt keine Kerzen bekommt, kann am Ausgang
seine Kerzen mitnehmen.
Nach dem Segen werden die Schüler mit den
Ehrengäste vorausgehen, die Gemeinde schließt sich an.