Ansprache Pfarrer Manfred Fischer
zum 17. Jahrestag des Mauerfalls, 09. November 2006
bei der Andacht in der Kapelle der Versöhnung

Sehr geehrte Vertreter des Bundes und der Länder!
Sehr geehrte Vertreter des Abgeordnetenhauses von Berlin!
Sehr geehrter Herr Bürgermeister!
Sehr geehrte Vertreter der Opferverbände! Liebe Gäste!

Der 9. November ist ein vielschichtiger Erinnerungstag in Deutschland. Daß wir nach dem 9. November 1938 - 1989 einen anderen 9. November erleben durften, ist für mich eine große Gnade. Der 9. November 1989 ist ein selten glücklicher Tag in der deutschen Geschichte. Dessen wollen wir uns hier und heute erinnern.

Denken wir an die Vorgeschichte dieses Tages. Das 20. Jahrhundert war geprägt von Kriegen, Massenvernichtung und Despoten im Weltmaßstab: Weltkrieg, Weltdiktaturen, Menschenexperimente die jeden bisherigen Rahmen sprengten und damit ging die Angst um vor der Weltzerstörung, genauer - der Selbstzerstörung des Menschen. Der Philosoph Günter Anders sprach von "der Antiquiertheit des Menschen im Zeitalter der Dritten industriellen Revolution". Hier in der Bernauer Straße sind wir dafür Zeugen: "die Mauer" war eines der symbolhaften Beispiele für Menschenexperiment und Weltenteilung. Aber damit sind wir auch umgekehrt Zeugen des Mauerfalls, der alle Planungen und Prognosen zu Nichte machte. Ohne einen Schuß, ohne eine Bombe, ohne einen Toten - am Ende des Jahrhunderts, in dem die zu Millionen Getöteten nicht mehr gezählt werden können. Darum haben wir - die Zeugen und Aktiven des Mauerfalls - an diesem Tatort die Geschichte zu erzählen. Das Feuer der Freude in Dankbarkeit wieder und wieder zu entfachen. Es geht uns nicht um die "Bewahrung der Asche" der Mauer, es geht uns um das "Hüten des Feuers" der Freiheit. Am Denkmal liegen heute darum keine Kränze, sondern Kerzen warten darauf, daß wir sie anzünden.

So historisch einmalig der 9. November 1989 für uns auch war, er war nur möglich in einem entsprechenden Umfeld. Der Mauerfall in Berlin steht in einer Reihe von Aufbrüchen des Freiheitswillens der Völker nach dem 2. Weltkrieg: 1953 Berlin, 1956 Budapest, 1968 Prag, 1981 Danzig, 1989 Peking. In diesen Tagen erinnern wir uns des von sowjetischen Panzern blutig niedergeschlagenen Aufstandes der Ungarn vor 50 Jahren. Die Abrechnung der Kommunisten war damals grausam. Über 200.000 flohen ins Exil, mehr als 400 Todesurteile wurden vollstreckt, Tausende wurden zu Freiheitsstrafen verurteilt - und alle Verurteilungen folgten akribisch festgelegten Planvorgaben für die Justiz. Über die Morde von 1956 durfte in Ungarn nicht gesprochen werden. Die Erinnerung verblaßte. Der ungarische Lyriker Istvàn Vörös schrieb jüngst in einem Beitrag zum "Gulaschkommunismus": "Man gab uns billiges Brot... und erwartete dafür, daß wir schweigen und jeder wenigstens einmal das Wort Konterrevolution aussprechen würde."
Er beschreibt damit ein altes Instrument der totalitären Machtabsicherung "Brot statt Freiheit". Die Römer hatten noch "Brot und Spiele" gefordert, um die Massen ruhig zu halten. Heute gibt es Diktaturen, die ihrem Volk "weder Freiheit noch Brot" geben, sondern nur noch "Spiele" - oder genauer, die herumhantieren mit Massenvernichtungswaffen. Wir haben eben von Korea gehört. Der Fall der Berliner Mauer liegt - so gesehen - zwischen Ungarn und Korea. Er war getragen von dem unauslöschlichen Freiheitsstreben der Menschen in all den Jahren davor. Und es ist ein Freiheitserleben, das ausstrahlt über alle Grenzen hinweg in den Jahren, die kommen. Ist das Feld auch noch so karg, die Saat wird aufgehen.

Dieser Leitgedanke hat uns zu einer künstlerischen Aktion bewegt. Das Gelände dieser Kapelle war als Todesstreifen der Mauer zerstört. Die Sandbrachen Berlins sind undankbare Böden. Auf diesem Boden haben wir im vergangenen Jahr kräftigen Bergroggen ausgesät. Wie im biblischen Gleichnis ging die Saat auf. Das Korn ist geerntet, das Mehl gemahlen. Heute liegen Roggenbrote auf der Mensa des Altares. Wir haben sie für diese Feier backen lassen: "Brot und Freiheit", "Freiheitsbrote", die wir Ihnen schenken.

Wie unser dürftiges Land doch Ernte gab und Brot, dem, der säte, so möge Freiheit gedeihen auf den Böden der Völker. Mögen die Völker diese Freiheit gemeinsam erfahren, indem sie endlich nicht mehr mit Waffen auf Befehl gegeneinander antreten, sich mißtrauisch beäugen, durch Unwissen und Vorurteile einander fremd. Der Gegensätze sind viele, damals, heute, morgen: Deutsche und Polen, Amerikaner und Iraker, Israelis und Palästinenser, Norweger, Koreaner mögen sie sich in Freiheit begegnen und das Brot miteinander teilen. Brot in einem weiten Sinne.
Martin Luther hat im Kleinen Katechismus die Brotbitte des Vaterunser so erklärt: "alles, was not tut für Leib und Leben", und dazu gehört auch "gut Regierung" und durch sie Sicherung des Friedens, Gewährung von Freiheitsrechten. Gestatten Sie mir so kurz nach dem Reformationstag noch den Hinweis auf die fundamentale Freiheitsschrift am Übergang zur Neuzeit: Luthers Schrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen". In ihr sieht er die Freiheit verankert im jeweils Einzelnen, in seiner Seele, in seinem Glauben. Er spielt aber nicht eine als frei behauptete Seele gegen den brotbedürftigen Leib aus. Die Umkehrung vom "Gulaschkommunismus", in dem der brotbedürftige Leib dem Freiheitsdrang der Seele entgegengestellt wird. Luther wollte den Menschen bewußt machen, daß sie nicht erpressbar sind durch Brotkörbe, die jeweils hoch gehängt werden oder niedrig. Andererseits wird der wirklich freie Mensch dem Nächsten immer zugestehen und auch zuwenden, was er an "Brot" täglich braucht. Das meint die Kurzfassung der Schrift mit den beiden Sätzen: "Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemand untertan" und "Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan". Das - diese Freiheit -, liebe Gäste, steht nicht zur Disposition, ist ein Menschenrecht.
Der Fall der Mauer 1989 ist darum ein Signal: Brot und Freiheit - weltweit. Amen.

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